Dissens innerhalb der iranischen Freiheitsbewegung?

UnityZweifel und Kritik an Mousavi entzweien die Grüne Bewegung und gefährden das Projekt eines säkularen demokratischen Iran. Das findet zumindest die Bloggerin Negar Irani die, um ihren Statement Nachdruck zu verleihen, einen Blogger aus Iran zitiert der dieselbe Meinung vertritt.

„realistisch, fair und vor allem vereint bleiben“ schreibt Negar Irani und appelliert an die Iraner im Exil die Kritik an Mousavi und Karoubi einzustellen.  Dies suggeriert dass die Kritiker Karoubis und Mousavis unfair und unrealistisch sind. Es ist falsch von ihr die Kritik an diese Personen mit einem Angriff auf die gesamte Opposition gleichzusetzen, wenn  doch nur Karoubi und Mousavi gemeint sind. Eine Gleichstellung dieser beiden Personen mit der gesamten Opposition ist nicht redlich und ist eine unfaire Argumentationsweise die Negar Irani einen Satz zuvor, in ihrem Appell selber kritisiert.

Die 1979-Katastrophe Reloaded:

Was den von ihr zitierten Blogger in Iran angeht, so wird an keine Stelle konkret gesagt welche Art von Kritik an beiden Personen denn nun genau unangebracht oder nicht statthaft sein soll. Das Ziel das islamische Regime zu stürzten sollte das verbindende Element der Einheit sein und nicht etwa eine Gleichschaltung aller Iraner, sich kritiklos  hinter Karoubi und Mousavi zu stellen. Die Menschen in Iran dafür zu kritisieren diese beiden Personen als Schutzschild zu benutzen, wäre tatsächlich unfair und unrealistisch, aber ich wüsste nicht dass dies geschehen wäre. Hier den Eindruck zu erwecken, die Unterstürzung  der Exiliraner für diese beide Personen wäre vital für das Gelingen des grünen Projekts könnte falscher nicht sein. Genauso wenig wird es der Freiheitsbewegung in Iran etwas nutzen wenn nun alle kritischen Stimmen zu Mousavi und Karoubi im Ausland verstummen. Die Unterstützung dieser Personen ist nur in Iran selbst von Belang. Diese Aufrufe sich unkritisch hinter einzelnen Personen zu stellen und zu meinen dass danach alles besser sein wird, erinnert fatal an die Situation vor 1979, wo genau dieselben Stimmen die Iraner dazu drängten den Mund zu halten und sich nicht kritisch zu Khomeini zu äussern. Ich erinnere mich daran wie meine Mutter die in eine religiöse Familie aufgewachsen ist, vor Komeini und insbesondere den Mullahs warnte und mit den selben Argumenten von den damaligen fanatisierten Revolutionsanhänger im Ausland zum schweigen gebracht wurde. Dabei waren die Reden Khomeinis über Demokratie, Pluralismus, Menschenrechte und Gleichberechtigung der Geschlechter viel farbenfroher als die Versprechen von Karoubi und Mousavi heute. Das Ergebnis kennen wir alle und wir wissen auch was mit den geeinten Kräften von links und rechts hinterher geschah, die in Khomeini das Fundament einer besseren Zukunft gesehen haben. Der zitierte iranische Blogger spricht in seinem Beitrag davon dass „die Existenz von Reformern und Leuten wie Mousavi und Karroubi essentielle Elemente für eine zukünftige iranische Demokratie seien.“ Hier begeht dieser Mensch und Negar Irani die ihr beipflichtet, denselben Fehler die bereits die Elterngeneration bei Khomeini machten. Genauso wie vor 1979 alle Diskussionen über Inhalte und Kritik an Personen, im Vorfeld der Revolution im Keim erstickt wurden und man das Heil in der Vereinigung hinter einzelnen Personen suchte, wiederholt sich 30 Jahre später dieselbe Misere. Als ob 30 Jahre tatsächlich so ein großer historischer Zeitraum ist, dass man nicht von vergangenen Fehler lernen könnte.

Was macht das Fundament einer Demokratie aus?

Das Fundament einer zukünftigen, demokratischen und freiheitlichen Teilhabe der Iraner liegt nicht im Schweigen, oder darin Personen blind zu folgen nur weil sie im Iran oder im Exil beheimatet sind. Auch nicht darin dass die Personen um die es sich handelt, Prominent sind oder eine zeit lang in den islamischen Gefängnissen gesessen haben. Das einigende Ziel ist die Beseitigung des islamischen Regimes, und das ist der gemeinsame Nenner dieser Freiheitsbewegung. Wer nun meint dieses Ziel auf Personen wie Mousavi und Karoubi auszudehnen, sorgt genau für die Spaltung die hier beklagt wird. Nur Schuldzuweisungen an andere zu richten, ohne die eigene Verantwortung kritisch zu hinterfragen, ist das kontraproduktive Element, das dafür verantwortlich warum sich immer mehr  Iraner von (dieser) Grüne Bewegung in Iran und auch im Ausland abwenden. Wann auch immer in der Menschheitsgeschichte sich ein Aufstand oder Revolution nur auf einzelne Person oder eine Einheitspartei gestützt hat, blieben Freiheit und Partizipation auf der Strecke. Beim französischen und amerikanischen Freiheitskampf hingegen standen die Inhalte und Proklamierung freiheitlicher Rechte im Vordergrund, und deshalb  auch konnten sich diese Werte mittelfristig durchsetzen. Pol PotBei Mao in China, Pol Pot in Kambodscha, oder Lenin in Russland hingegen war dies nicht der Fall. Die Unantastbarkeit dieser Führer war es die die politische Entwicklung zum stehen gebracht und  eine Schreckensherrschaft hervorgebracht hat, dessen wichtigstes Slogan die Einheit des Volkes/Partei war. Selbst heute wo fast das ganze Erbe Maos verworfen wurde und er schon längst tot ist, ist es nicht möglich an seine Person und seine Ideologie vorbei die Politik zu gestalten. Die Unantastbarkeit seiner Person bremst die weitere Entwicklung Chinas  erheblich, genauso auch wie es im heutigen Iran nicht möglich ist die Person Khomeinis auch nur ansatzweise in Frage zu stellen. Einer der wenigen Beispiele in der Geschichte wo ein einzelner Führer sein Volk in die Freiheit führte, war Ghandi, aber auch nur deshalb weil er keine Denk- und Sprechverbote erteilte. GandhiEr wusste dass Meinungsfreiheit und demokratische Teilhabe innerhalb der Freiheitsbewegung als  Voraussetzung gelten müssen, um das Zustandekommen dieser Ziele zu ermöglichen. Nie hat er Teile des Volkes die friedlich ihre Forderungen stellten, als Radikal und Extremistisch bezeichnet. Nicht so wie Mousavi und Karoubi die Iraner, die friedlich nach einer iranische Republik riefen, als verirrte Extremisten und Radikale, die nicht zur Grünen Bewegung gehörten  bezeichneten.

Wo ist mein Führer?

Weil das iranische Volk ein traumatisiertes und immer noch in großen Teilen von der islamischen Indoktrination und Mentalität beeinflusstes Volk ist, hat es nicht gelernt diese Grundlagen  der Freiheit und Demokratie zu verinnerlichen, und zwar unabhängig davon ob sie denn nun im Lande oder im Exil weilt. Viele Anhänger der Monarchie stellen sich übrigens genauso unkritisch hinter der Person Pahlavi und dulden keine Kritik an Al-Hazrat. Die terroristisch-sektiererische Modjahedin hingegen hat die nächste Präsidentin Irans schon parat, und  praktischerweise ohne das iranische Volk mit so etwas unnützem wie Wahlen zu belästigen. Die progressiven und patriotischen Iraner auf der anderen Seite, deren hellsten Köpfe man in den mohammedanischen Kerkern und im Exil ermordet hat, haben mangels Führung schon innerlich aufgegeben und sich dem Nihilismus hingegeben. Denn auch viele von ihnen sind in der Mentalität gefangen dass nur ein Führer Iran befreien kann. Dass aber eine Bewegung erst aus der Summe der Anstrengungen jedes einzelnen besteht, daran wagen die wenigsten zu glauben.

Demokratie und Freiheit leben:

Es ist kein Wunder dass gerade die Exiliraner in England und den USA dazu angehalten werden gefälligst linienkonform zu sein, denn nirgends sonst wird auf der Welt die Freiheit der Rede so sehr geachtet, geschützt und konsequent in Anspruch genommen wie in den angelsächsischen Ländern. Auch Ghandi der in London studiert hatte, war von der angelsächsischen Tradition beeinflusst und verband diese erfolgreich mit der alten indischen Kultur. In Deutschland hingegen wo die Demokratie ein Importgut ist, ist Ruhe immer noch  erste Bürgerpflicht. Kritik wird hauptsächlich als Querulantentum verstanden und die Konsensgesellschaft feiert regelmäßig fröhliche Urstände. Als hier lebender Iraner übernimmt man dann undifferenziert dieses Erbe aus der deutschen Kaiserzeit, wähnt sich integriert, in der Moderne angekommen und frönt den Konformismus bis zum Exzess. Das schöne dabei ist dass man sich als Iraner nicht sonderlich umstellen muss und genauso wie im Islam davon verschont bleibt einen eigenen kontroversen und ausserhalb der vermeintlichen Mehrheitsmeinung gelegenen Standpunkt einzunehmen.

Why do we blog?

Deshalb wundert es auch kaum dass nur wenige deutschsprachige Iranische Blogger wie Shiro O Xorshid, Iranian German und Iranbâto sich trauen unbequem Stellung zu beziehen. Einige andere hingegen nutzen, die sich penetrant in den Vordergrund drängenden sogenannten Reformer aus oder publizieren selektive Nachrichten aus, um diese dem deutschen Publikum als die mehrheitliche Stimme des iranischen Widerstands zu verkaufen.  Diese durchaus engagierte und Iran-interessierte Aktivisten und Blogger vergessen aber darüber, dass je größer ihre Zuhörerschaft wird, desto größer auch ihre Verantwortung ist sich wahrhaftig zu verhalten. Anstatt das ganze Spektrum der Freiheitsbewegung in ihrer Berichterstattung abzudecken oder wenigstens den Mut aufzubringen eine eigene Meinung zu vertreten, verstecken sie sich hinter den Meinungen und „Analysen“ bekannter Namen oder hinter den Begriffen Konsens und Einheit.

Von einem einzelnen Blog, Person oder Organisation hängt das Gelingen oder Scheitern der iranischen Freiheitsbewegung wahrlich nicht ab, aber die Möglichkeiten eines Blogs werden selten ausgeschöpft. Mit dem Vervielfältigen von Nachrichten alleine ist es nicht getan, und das offene Vertreten einer eigenen Meinung ist schon längst den Zwängen der Selbstzensur im Namen der Einheit gewichen, wobei genau das, viele Iraner weiter von der Grünen Bewegung entfremden lässt. Anstatt die Leserschaft zu motivieren, menschlich zu bewegen und sogar zu mobilisieren, imitiert und unterwirft man sich obigen Meinungen. Die Möglichkeit seine freien Stimme im Dienste seiner Heimat zu stellen wird auf dem Altar der Bequemlichkeit und des totalitären Einheitsgedanken geopfert. Wenn ihr also das nächste mal von Freiheit, Demokratie und Pluralismus sprecht oder solche Kronzeugen präsentiert die davon sprechen, solltet ihr euch den minimalen Aufwand zumuten, ernsthaft über die Bedeutung dieser Werte nachzudenken oder danach zu recherchieren.

Ich schätze die Arbeit von Julias Blog und einigen anderen weil sie letztendlich in guter Absicht handeln. Gäbe es allerdings nur diese Art der hier vorgestellten Blogs, hätte ich mich vom Thema Iran schon längst abgewendet, genauso wie viele Iraner es innerhalb des letzten Jahres getan haben. Ich erinnere mich aber noch an diejenigen lauten und freiheitlichen Stimmen die jetzt leider verstummt sind. In der Hoffnung dass diese wieder laut und aktiv werden, schreibe ich weiter.

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2 Antworten zu Dissens innerhalb der iranischen Freiheitsbewegung?

  1. Tangsir schreibt:

    Dein Kommentar ist wirklich brilliant. Nur in einem Punkt muss ich dir widersprechen. Diese Führer sind noch nicht mal Koordinatoren, denn die Koordination haben schon längst die Iraner in die Hand genommen. Da wo Mousavi und Karoubi von Demonstrationen abraten, gehen die Menschen erst Recht auf die Strasse. Die Parolen die sie verteufeln, ruft das Volk um so lauter aus. Der einzige Grund warum die Iraner im Land den Namen dieser Personen benutzen, ist weil es den Streit unter den Allahisten am leben erhält.

    • Tangsir schreibt:

      Das ist die Ansicht vieler Aktivisten in Iran. Die säkularen Kräfte hatten Anfangs große Bauchschmerzen „Allahuakbar“ zu rufen und Mousavi zu unterstützen. Letztendlich haben sie sich aus taktischen Gründen dazu entschlossen. Es ist also nicht meine Ansicht, sondern unumstritten.

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